Das waren Zeiten

 


Das waren Zeiten. Triest im  Jahr 1912

 

 

Willkommen in Triest, Italiens nordöstlichstem Vorposten an der Adria. Die Menschen hier reden italienisch, aber die Stadt  mit ihren stuckbeladenen Fassaden und den vielen graugelockten Witwen, die mit ihren Pudeln und Pinschern Gassi gehen, passt  auch gut nach Mitteleuropa.

 

 

Jahrhundertelang, seit 1382, gehörte die Stadt zum Habsburger-Reich. Hier lag die K.u.k.-Marine vor Anker, hier ließ der Bruder des österreichischen Kaisers sein Traumschloss Miramare auf die Klippen bauen, in Sichtweite des Hafens von Triest, der Austrias wichtigster Zugang zum Meer war - bis 1918. Damals ging nicht nur der Erste Weltkrieg zu Ende, sondern auch Österreichs Gastspiel als Seefahrer-Nation - und Triests Rolle als wichtiger Hafen.

 

Heute legt dreimal pro Woche eine Autofähre aus Griechenland an, hin und wieder macht ein Frachter aus dem Nahen Osten fest, noch  ein Kreuzfahrtschiff hierher. 
 Trotzdem hat Triest sich eingerichtet in der Nische zwischen Italien, ehem. Jugoslawien und Österreich, zwischen großer Geschichte und Randlage, zwischen Spagetti und Knödeln. Unglücklich ist die Stadt dabei keineswegs, und erst recht nicht langweilig. Denn die reiche Geschichte hat sich nicht nur auf den Speisekarten erhalten, sondern auch im Stadtbild. Zum Beispiel die Römerzeit: 52 vor Christus wurde Tergeste, wie es damals hieß, dem römischen Reich einverleibt.  Aus dieser Zeit stammt das noch gut erhaltene römische Theater am Fuße eines Hügels, auf dem die Ruinen des Forums thronen, in unmittelbarer Nähe des Kastells hoch über den Dächern der Stadt.

Bei einem Gang durch die engen Gassen der Altstadt, die derzeit flächendeckend restauriert wird, stößt man an der Piazzetta Barbacan auf den Arco die Riccardo, ein Tor der Stadtmauer, die 33 vor Christus unter Kaiser Augustus errichtet wurde. Direkt daneben, in der Antica Taverne Arco di Riccardo, tischt die kugelrunde Wirtin deftige lokale Spezialitäten auf, riesige Portionen, österreichisch angehaucht.
 Dazu passt hervorragend ein Terrano, der herbe Rotwein, der auf den Weinbergen vor den Toren der Stadt gedeiht. Ein paar Schritte bergab lohnt die Kirche San Silvestro einen Besuch. Das Gotteshaus aus dem elften Jahrhundert ist das älteste der Stadt, seit 1785 beherbergt es die evangelische helvetische Waldensergemeinde.

Nicht weit entfernt an der Via Spiridione heben sich die Kuppeln der serbisch- orthodoxen Kirche, berühmt für ihre Gold- Mosaiken, in den Himmel.

 

Einen Block weiter dümpeln kleine Boote auf einem winzigen Stichkanal, den die Stadtväter in völliger Verkennung der Realität Kanal Grande genannt haben - im Vergleich zu seinem Namensvetter in Venedig wirkt das Kanälchen in Triest ausgesprochen mickrig, immerhin aber malerisch.

 

Leopold der IVDas eigentliche Zentrum von Triest liegt heute an der Piazza Grande gegenüber der Hafenmole. Der rechteckige, zum Meer hin offene Platz ist der schönste der Stadt. Er wird beherrscht vom Rathaus, einem verschnörkelten Gründerzeitpalast von 1875. Davor sprudelt seit 1750 ein Brunnen, der die damals bekannten vier Kontinente darstellt. An der Piazza steht auch das Luxushotel Duchi d'Aosta - erstes Haus am Platz und sein Geld wert, sofern man ein Zimmer nach vorne raus zum ruhigen, weil autofreien Platz ergattert.
Gegenüber bietet sich zum Verschnaufen das Cafe degli Specchi an, eines der berühmten Kaffeehäuser der Stadt, bei gutem Wetter mit Gestühl unter Sonnenschirmen direkt auf der Piazza.

 Hier heißt der Espresso mit Schaumkrone Caffe viennese, eine Reminiszenz an die Habsburgerzeit. Noch älter ist das frisch renovierte Caffe Tommaseo von 1825 an der Piazzetta Tommaseo. Nirgends auf der Welt wird Sachertorte mit einem derart grandiosen Blick aufs Meer serviert wie hier.

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1900 waren von 178.599 Einwohnern des Ballungsraumes Triest 24.679 Slowenen und 8.880 Deutsche. Aber jeder Triestiner sprach mindestens Italienisch und Deutsch, die Slowenen außerdem noch Slowenisch. Heute ist das Deutsche weitgehend verdrängt. „Uns fehlt die Kultur von früher“, kommentiert diese Entwicklung ein mit einem grünen Lodenmantel bekleideter Herr im traditionsreichen „Cafe degli Specchi“. Und doch bemühen sich sehr viele der heute 210.000 Triestiner, wenn sie einem Deutschen begegnen, mindestens einige Worte auf Deutsch zu sagen.

 

 

Wenn da nicht das Meer wäre, könnte man meinen, man sei in Wien. Mal sieht es aus wie in Hietzing, mal wie am Ring. Kein Wunder, waren doch in Triest häufig dieselben Architekten am Werk, die auch die Hauptstadt der Donaumonarchie gestalteten. Heinrich Freiherr von Ferstel, Erbauer der Universität in Wien, plante den Palast des „Österreichischen Lloyd“ (des heutigen „Lloyd Triestino“). Friedrich Setz baute 1890 bis 1894 die Triestiner Hauptpost, die in verblüffender Weise dem eineinhalb Jahrzehnte früher errichteten Wiener Justizpalast ähnelt. Und den Hauptbahnhof schuf Wilhelm von Flattich, der auch den Südbahnhof in Wien gestaltet hat.

 

Die K.u.K. Oesterreichische Riviera

 


 die altösterreichische Küstenländer,  idyllische Seebäder und mondänes Strandleben, Winterstationen und Sommerparadiese an der Adria.

"Riviera" - nach dem Wörterbuch bedeutet das Wort soviel wie Gestade, also ziemlich dasselbe wie der Begriff "Litorale", das man mit Seeküste oder Küstenland übersetzt.

Daran hält sich aber nur die trockene Sprachwissenschaft. Das wahre Leben sah anders aus. Das Litorale war in den k k. Kanzleien beheimatet und immer mit einem feierlichen Amtsgesicht versehen. Das österreichische Litorale an der Adria umfaßte die "gefürstete Grafschaft" Görz und Gradiska, das Gebiet der Stadt Triest und die "Markgrafschaft" Istrien, das kroatische Litorale hingegen bestand aus Fiume und der benachbarten Küste. 

Fernab der Ärmelschoner und bürokratischen Schimmelreiter, im Salon der gehobenen Gesellschaft war im leichten Reisegeplauder die "Riviera" daheim. Man war in Gardone-Riviera, an der Riviera di Levante oder an der Riviera di Ponente, man reiste an die österreichische Riviera und niemals an ein Litorale. Doch Vorsicht - man reiste nur während des Winters und des Frühjahrs dorthin. Kam der Sommer, die Zeit der Seebäder, dann ging man nicht mehr an die Riviera, sondern "ans Meer". Aus gutem Grund, der auch den unsensibelsten Urlaubssüchtigen in Fleisch und Blut übergegangen war. Denn mit der Riviera sind bestimmte klimatologische Vorstellungen verbunden. Etwa von einem lachenden Gestade, an dem die warme Sonne scheint, während die Zurückgebliebenen zu Hause in Schnee oder Nebel fröstelten.

Wer noch vor der Jahrhundertwende die Frage stellte, ob es denn wirklich eine "österreichische Riviera" gäbe, erhielt spätestens  nach 1900 die gesuchte Antwort darauf.  

Nicht nur aus dem Grund, daß alle Menschen, bewußt oder unbewußt, wie die Schmetterlinge ans Licht streben. Eine Antwort hielt in der Gestalt des Direktors der Triester Sternwarte, Eduard Mazelle, auch die Statistik bereit. Seine Untersuchungen zeigten, daß die österreichische Adriaküste - und das wird sie wohl heute auch noch unter anderer Flagge - nicht nur wärmer ist als die gegenüberliegende italienische - der Unterschied beträgt im Jahresmittel ein Grad, im Winter sogar drei Grad - sondern daß die klimatischen Eigenschaften einzelner Orte der Adria noch günstiger sind, als etwa die der ligurischen Riviera.

Genügend Gründe also an die österreichische Riviera zu reisen, ... nach Triest, Sistiana, Duino oder Grado.

 

aus dem Baedeker's  Oesterreich -Ungarn             Jahr 1912

 


Der Hafen besteht aus drei Teilen.

Nördlich der 1867-83 erbaute Neue Hafen (Porto Nuovo) mit vier Molen und den Landeplätzen der Dampfer, gegen das Meer durch einen 1100m langen Wellenbrecher geschützt.

Der Alte Hafen (Porto Vecchio)  dessen südlichen Abschluss der Molo S. Teresa mit 33m h. Leuchtturm bildet; Franz-Joseph-Hafen (Porto nuovo), mit drei großen Molen und Wellenbrechern. Der Porto Nuovo und der Franz-Joseph-Hafen bilden das Freihafengebiet. - Zwischen dem Neuen und dem Alten Hafen der 1766 vollendete Kanal Grande, für kleinere Segelschiffe, an dessen östlichen Ende hinten die 1827-49 erbaute Kirche Skt. Antonio Nuovo, rechts die serbisch-orientalische Kirche Skt. Spiridion anfragen. Auf den Kaistraßen, die am Alten Hafen entlang laufen, herrscht reges Leben; der Molo S. Carlo ist gegen Abend von Spaziergängern belebt.  

 

An der Riva Carciotti, die am Kanal Grande beginnt, die Griechische Kirche , südlich weiter das Opernhaus  Gius. Verdi, wo der Kai den Namen Riva del Mandracchio annimmt, und die Schmalseite der 1904 erbauten k. k. Statthalterei (Luogotenenza), deren Hauptfront sich der Piazza Grande zuwendet. Die Südseite des Platzes nimmt der 1883 aufgeführte Palast des Österreichischen Lloyd ein, der bekannten, 1833 gegründeten die in Triest ihren Sitz hat. Rathaus a. unten. Beim Molo Giuseppino die Fischhalle. Auf der Piazza Giuseppina (Pl. B 6) ein Bronzedenkmal des eifrigen Förderers der österreichischen Kriegsmarine Erzherzog Maximilian, von Schilling, 1876. Museum Revoltella s. s. 270. Die zwischen der Statthalterei und dem Lloyds Palast sich öffnende Piazza Grande ist einer der Brennpunkte des Verkehrs zwischen Hafen und Stadt; im Sommer häufig abends Konzert. Die 0.-Seite begrenzt das Rathaus, 1874 erbaut. Davor der Maria- Theresia- Brunnen von 1751 und eine Säule mit dem Marmorstandbild Kar18 Vl. (S.267), von 17'29. - Unweit nördlich., hinter dem oben gen. Theater, das 18Ö2 erbaute Terge8teo (Pl. 13: Q41 dessen kreuzförmige, glasüberdeckte Innenhalle als Börse dient. Die Alte Börse ; 1809, an der Piazza della Borsa, mit viersäuligem Portikus, ist der Handels- und Gewerbekammer und einem Post- amt eingeräumt. Auf dem Platz eine Säule mit Bronzestandbild Leopolds 1., von 1660. Die Via del Corso, östlich vom Börsenplatz, zwischen der Neuenstadt und den alten Stadtteilen am Kastellberg, ist die Hauptverkehrsstraße der Stadt. Sie mündet auf der Piazza Carlo Goldoni .  

Von der  Galleria ein 347 m. langer Tunnel unter dem Kastellberg in die südlichen Stadtteile führt.

Auf der Piazza S.Giovanni ein Marmorstandbild des Komponisten G.Verdi von Laforet, 1906.

In den Anlagen vor dem Südbahnhof ein Denkmal der Kaiserin Elisabeth von Seifert(191'2). 'Weiter südl. das 1894 erbaute Post- und Telegraphen Anstalt( In der großen Halle Gemälde von Leller) und die evangel. Kirche (1874). Südwestl. das Gebäude der Assicurazioni Generali          der größten österreichischen Versicherungsanstalt. Von der Piazza Grande (8. '268) führen hinter dem Stadthaus die stellen Straßen der Altstadt zum Kastellberg hinauf (bis zur Basilica 10 Min.). Am Wege 1. die l627 aufgeführte Jesuitenkirche S. Maria gegenüber die kleine evang. Erlöserkirche, dei Überlieferung nach die älteste christliche Kultstätte In Triest. Einige Schritte w. höher die Piazzetta di Riccardo, mit einem römischen Tor, Arco di Riccardo C b). Weiter bergan folgt man der Via della Cattedrale.  Etwas unterhalb der Kirche r. Nr. 17 der Eingang zum Museo lapidario  0 5; werkt. 10-2, Im Sommer Sonn- und Festt. 10-12 Uhr zugänglich Trkg. 40 h), auf einem ehemaligen Begräbnisplatz Im Freien aufgestellt. Direktor: Dr. A. Puschl. R. vom Eingang die oog. Glyptothek, mit zwei Bruchstücken von Amazonensarkophagen und einer Inschrift von der Basis eines Denkmals des Triestiner L. Fabius Severo, sowie Köpfen und anderen Statuenfragmenten. 

 

 

L. vom Eingang über die untere Terrasse  zur oberen Terrasse mit Fundtücken aus Triest  am Ende 1. ein 1838 zu Ehren Winckelmanns erachtetes Kenotaph, mit Belief, darüber ein Genius mit Medaillonbild. Winckelmann, der 1717 in Stendal geborene Autor der Kunstgeschichte des Altertums , wurde in der ehemal. Locanda Grande 1768 von einem Italiener ermordet. Die hochgelegene Basilica 8. Gusto oder Kathedrale D 6; 12-3 Uhr geschlossen) erhebt sich an der Stelle eines alt- römischen Tempels.

 

 Der jetzige Bau wurde Im XIV Jahrh. durch die Vereinigung dreier aneinanderstoßenden Gebäude aus dem VI. Jahrh. hergestellt, einer altchristl. Basilika, eines Baptisteriums und einer byzant. Kuppelkirche. Am Sockel der Fassade sind Grabsteine eingemauert; die Portalpfosten sind Teile eines römischen Grabmals der Familie Barbius, mit sechs Brustbildern, darüber drei Bronzebilden (l. Papst Plus 11., r. die Kaiser Friedrich 111. und Karl Vi.) und eine große Fensterrose. An dem 1337 erbauten Glockenturm korinthische Säulen des römischen Tempels und ein Standbild des h. Justus. Von der Terrasse vor der Kirche Aussieht auf das Meer.

In dem fünfschiffigen Innere sind einige Mosaiken sehenswert.

In der Apsis des r. Seitenschiffs hinter dem Justusaltar die Stadtheilige Justus und Servulus, in der des 1. Seitenschiffs die Madonna zwischen den Engeln Gabriel und Michael (XI. Jahrh.), darunter die 12 Apostel (VI. Jahrh.).